Ausbildungsbegleitung: Weil 20% Lehrvertragsauflösungen zu viel sind.

Ein gelingender Übergang von der Schule ins Berufsleben stellt für viele junge Menschen eine grosse Herausforderung dar. Insbesondere an der Nahtstelle zwischen den Sekundarstufen I und II stossen viele Jugendliche auf erhebliche Schwierigkeiten. Rund 20% der Jugendlichen und jungen Erwachsenen bleibt der direkte Übergang in die berufliche Grundbildung verwehrt.[1]

Dass die Suche nach dem richtigen Lehrberuf und dem passenden Ausbildungsbetrieb für viele junge Menschen ein steiniger Weg ist, erlebe ich im Berufsvorbereitungsprogramm «Top4Job» der Streetchurch täglich. Absage folgt Absage, Misserfolg folgt Misserfolg. Manche Betriebe geben auf die per Mail oder Lehrstellenplattform eingereichte Bewerbung nicht einmal eine Antwort. Dass da die Frustration bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen wächst und die Hoffnung der Perspektivlosigkeit weicht, ist mehr als nur verständlich. Klappt es dann irgendwann doch noch mit der Lehrzusage, ist das natürlich ein Grund zum Feiern. Und doch: Ein unterzeichneter Lehrvertrag in der Tasche ist noch kein Garant dafür, dass der Lehrabschluss nach zwei (EBA), drei oder vier (EFZ) Jahren auch tatsächlich gelingt. Schweizweit wird jährlich mehr als jeder fünfte Lehrvertrag vorzeitig aufgelöst.[2] Bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund ist es gar jeder vierte. Gewisse Branchen verdienen sich dabei keine guten Noten. So wird durchschnittlich mehr als jede dritte (!) angefangene Coiffeurlehre vorzeitig aufgelöst.

Die Gründe sind, wie so oft, vielschichtiger Natur. Nicht selten spielen schwierige Familiensysteme und fehlende Unterstützung von Seiten der Eltern eine wesentliche Rolle.[3] Diese Unterstützung ist insbesondere bei der beruflichen Orientierung von entscheidender Bedeutung. Wo sie fehlt, droht den betroffenen Jugendlichen in der Berufswahl die Überforderung und demnach die berufliche Orientierungslosigkeit. Denn die Lehrpersonen in der Sekundarschule vermögen vieles, aber eine Klasse mit 20 und mehr Schülerinnen und Schülern individuell in der Berufswahl und im Bewerbungsprozess zu begleiten, ist eine Herkulesaufgabe. Neben der zu wenig tiefen Auseinandersetzung mit der Berufswahl sind psychische Belastungen ein entscheidender Faktor für Lehrvertragsauflösungen [4]. Unsere Erfahrung zeigt zudem, dass auch zwischenmenschliche Probleme mit dem/der Berufsbildner*in und branchen- oder betriebsbezogene Missstände in der Berufsbildung immer wieder Grund für das frühzeitige Beenden einer Ausbildung sind.

Um junge Menschen, die unter anderem vom Berufsvorbereitungsprogramm «Top4Job» in eine Lehre einsteigen, mit diesen Herausforderungen nicht allein zu lassen, begleiten und unterstützen wir sie seit einigen Jahren auch während der Ausbildung nach ihrem individuellen Bedarf. Im Sommer 2020 haben wir diese Nachbetreuung noch einmal professionalisiert, konzeptionell überarbeitet, Workshops mit Lernenden und Fachleuten durchgeführt, sowie Ausbildungsbetriebe und Ämter befragt. Als Ergebnis dieses Prozesses ist das Angebot «Ausbildungsbegleitung» entstanden. Angelehnt an das Konzept der «Supported Education» begleiten wir die jungen Menschen während ihrer Ausbildung durch ein Jobcoaching. Der Job Coach unterstützt die lernende Person bei arbeitsbezogenen Fragen und im Umgang mit Stress und Konflikten, fördert die Zusammenarbeit mit dem Ausbildungsbetrieb und berät den/die Berufsbildner*in bei anstehenden Fragen und Schwierigkeiten. Neben dem Jobcoaching umfasst die Ausbildungsbegleitung ein Case Management und kann durch ein berufsschulergänzendes Lerncoaching sowie eine psychologische Begleitung und Beratung ergänzt werden. Die Prinzipien, die uns dabei leiten, sind dieselben, die unserer Arbeit auch in anderen Angeboten zugrunde liegen: Beziehungsorientierung, Individualität, Ganzheitlichkeit und Langfristigkeit.

Auch wenn diese Begleitung den Abschluss der Berufslehre nicht garantiert: Ich bin überzeugt, dass viele junge Menschen dadurch die Unterstützung erhalten, die sie brauchen, um erfolgreich durch die Ausbildung zu kommen und im Anschluss daran im Erwerbsleben Fuss zu fassen. Es ist mir deshalb ein grosses Anliegen, dass dieses Angebot an Bekanntheit gewinnt und sich so auch die Quote der erfolgreichen Lehrabschlüsse und Berufseinstiege verbessern darf.


[1] Landert, Charles & Eberli, Daniela (2015): Bestandsaufnahme der Zwischenlösungen an der Nahtstelle I. Bericht. Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI).

[2] Bundesamt für Statistik (2019): Lehrvertragsauflösung, Wiedereinstieg, Zertifikationsstatus. Resultate zur dualen beruflichen Grundbildung (EBA und EFZ).

[3] Duc, Barbara; Lamamra, Nadia; Lovirc, Ivana & Mellone, Valeria (2013): Lehrabruch – was nun? Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB IFFP IUFFP).

[4] Sabatella, Filomena & von Wyl, Agnes (2017): Supported Education in der Schweiz. Hilfe für junge Erwachsene beim Übertritt in das Berufsleben. ZHAW, Angewandte Psychologie.

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